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german.pages.deNeukölln, mon amourVorbemerkung: Der Autor hat als Migrantenkind (als Deutscher in Österreich) eine Hauptschule besucht, an die er sich mit Dank erinnert, denn sie brachte ihm unter anderem Anfangsgründe der englischen Sprache bei, und war viel besser als die einklassige Dorfschule, die er zuvor besucht hatte. Von der Hauptschule kam er zur Oberrealschule und zur Universität. Die Rütlischule, die Mutter aller Hauptschulen, hat Berlins Bezirk Neukölln endlich jene Berühmtheit gebracht, auf die man jahrelang vergeblich gewartet hatte. Deutschlands Bronx, das ist doch was. Vor dem geistigen Auge der Neuköllner rollen schon die Busse an, die den Touristen auf ihrer Stadtrundfahrt die berühmt-berüchtigten Lokalitäten zeigen, die man gesehen haben muss, wenn man in Valladolid oder Ennepetal über Berlin sprechen will. In der Rütlistrasse beschreibt das Tonband in dreizehn Sprachen die Strassenschlachten, die hier angeblich täglich stattfinden. Dann geht es die Reuterstrasse hinauf, über die Sonnenallee - die Champs Elysées von Arabistan - hinweg zur Karl-Marx-Strasse - Klein-Istanbul und zur Flughafenstrasse mit ihren Trödlern, und endet schliesslich an der Boddinstrasse bei einer anderen berühmten Schule, der gegenüber passend eine Drogenberatungsstelle liegt. Während die Touris wohligen Schauer geniessen, erinnern sich die Neuköllner, dass es im benachbarten Kreuzberg genau so angefangen hatte. Am Anfang waren die Strassenschlachten mit der Polizei am 1. Mai. Dann kam die Touristen, dann kamen die Studenten, die Künstler, die Bohemiens und die Immobilienmakler. Und heute ist Kreuzberg eines der gesuchtesten Wohnviertel Berlins mit Mieten und Wohnungspreisen so hoch wie in Prenzlauer Berg, in Charlottenburg und Schöneberg. Die Strassenschlachten des 1. Mai sind, wenn sie überhaupt noch stattfinden, eine Art Karneval und Werbeveranstaltung geworden. Endlich tut sich auch was in Neukölln. Filme, Fernsehreportagen, Schulskandale, Bild, Stern, Spiegel. Jeder weiss was, jeder hat ein Rezept und kennt das neue Modewort Migrantenkind. Als ob, statistisch gesehen, nicht Deutschlands Kinder immer öfter Migrantenkinder sind. Wer selbst keine Kinder macht, importiert sie halt, genauso wie Avocados und Lesebrillen. Also was ist los in Neukölln? Nichts besonderes. Neukölln, zum alten Westberlin gehörend und lange Zeit wegen Mauernähe gemieden, ist ein gewöhnliches Armenviertel, bevölkert von einer Mischung von Altdeutschen, eingebürgerten Neudeutschen, ihren Familien, und Ausländern jeder Nationalität und Couleur. Im Einkaufszentrum Neukölln Arkaden, direkt am Rathaus gelegen, kann man die Melange beim Espresso in der italienischen Bar besichtigen, bedient von brasilianischen und kurdischen Kellnern. Man sieht bei den Deutschen den inzwischen heruntergekommenen Chic von vorgestern: die Jazz-Jünglinge und Bikers, ergraut und angegammelt, aber noch mit Zopf und Leder. Die klassischen Berliner Muttchen, verhärmt und grau, die abgetakelten einstigen Lebedamen; alles im Stil von Hartz IV. Schnurrbärtige Orientalen, runde Orientalinnen, Mädchen mit Kopftuch - erstaunlich, wieviel Make-up und Chic man mit dem Kopftuch kombinieren kann. Afrikaner, Inder, Latinos, alles strömt vorüber, der ganze "menschliche Zoo", wie Spötter sagen Während die Araber und Afrikaner um ihre soziale Position kämpfen müssen, haben sich vor allem die neudeutschen Türken in weiten Teilen als Oberschicht von Neukölln etabliert, während die Altdeutschen vornehmlich die Unterschicht stellen. Tüchtige Geschäftsleute und Unternehmer, bilden die Türken das Rückgrat des Stadtteils. Wie ja überhaupt die Türken eines der positivsten Elemente in der maroden Wirtschaft Berlins darstellen. Leider macht sich der Bevölkerungsrückgang der Hauptstadt auch bei ihnen bemerkbar. Im Jahr 2005 sank die türkische Wohnbevölkerung Berlins um 1,6 Prozent: kein gutes Omen für Viertel wie Neukölln, Kreuzberg und Wedding. Neukölln ist vornehmlich ein Altbauviertel, das teilweise sehr hübsch ist, vor allem in Rixdorf. Während die "guten" Viertel des alten Westens - Charlottenburg, Wilmersdorf und Tiergarten, zum Beispiel - nach fünfzehn Jahren des Wegfalls der Berlin-Subventionen langsam verkommen und vergrauen, haben sich Kreuzberg und die Modeviertel des neuen Ostens -Prenzlberg, Mitte und Friedrichshain—- enorm verbessert. Neukölln dagegen verharrte; die Modewelle ging an ihm vorüber, obwohl mietenbewusstes Jungvolk zunehmend von Kreuzberg herübersiedelt und auf gentrification wartet. Mancher Westdeutsche ist dennoch unangenehm überrascht von Neukölln und fragt: . "Wer ist hier schlimmer? Die Deutschen oder die Türken? Die Türkenkids sind laut, müllen die Treppenhäuser zu und verdrecken die Strassen. Die Deutschen haben Hunde, die überall auf den Gehsteigen Tretminen hinterlassen." Antwort: "Inzwischen haben die Türken auch Hunde, gerne Kampfhunde. Ein Beispiel erfolgreicher Integration." Überhaupt die angeblich so fehlende Integration. An einem späten Abend geht Ihr Berichterstatter in der berüchtigten Reuterstrasse spazieren, hungrig. Er sieht einen "libanesischen" Schnellimbiss, vermutlich also eine palästinensische Kneipe. Drinnen sitzen nur Araber und ihre Familien. Der Besucher geht an die Bestelltheke und fragt vorsichtshalber auf arabisch, ob man hier deutsch spricht. Der Koch lacht und antwortet in quellklarem deutsch: "Natürlich sprechen wir hier deutsch. Wir sind ja in Deutschland, da muss man deutsch sprechen!" Das Essen ist vorzüglich, der Preis möglicherweise einer der niedrigsten im ganzen Land, und die Atmosphäre entspannt. Der Charme von Neukölln. Strassenschlachten? Klauende Kindergangs? Das gibt es nicht nur im Reuterkiez. Das gibt es und gab es auch in anderen Vierteln Berlins. Berlin hatte schon vor dem II. Weltkrieg Kindergangs. Damals nannte man sie Cliquen. Ihr Berichterstatter hatte selbst als Kind die Ehre, der Preussenpark-Clique in Wilmersdorf anzugehören. Die terrorisierte freilich niemanden. Andere hatten damals das Terrormonopol. Ein Beispiel gelungener Integration ist die Tatsache, dass viele der Migranten gelernt haben, zu klagen. In einem Restaurant sucht eine junge Deutsche türkischer Herkunft die Toilette auf und bittet die Klofrau auf türkisch um ein Stück Seife. "Ach wie nett, dass Du Türkin bist, meine Tochter", meint die Klofrau, gleich ins vertrauliche Du fallend. "Hier ist es eine traurige Arbeit, immer die Kacke der Deutschen zu putzen. Aber in einer Woche gehe ich auf Urlaub, in die Türkei. Dort ist es wunderschön; wir haben gerade ein Haus gebaut." "Wenn es dort so schön ist," entgegnet die Besucherin, "warum lebst Du dann hier, nicht dort? Du würdest die Kacke der Türken putzen, und von einem Haus könntest Du nur träumen." Tatsache ist, dass eine Hartz IV-Karriere vielen ausbildungslosen Jugendlichen ein bequemeres und angenehmeres Leben offeriert als ein Job in der alten Heimat, so man dort überhaupt einen kriegen würde. Zum Anderen sollte nicht übersehen werden, dass fehlender Schulabschluss und Ausbildungslosigkeit unter Migrantenkindern nicht automatisch das Abdriften in die Erwachsenenkriminalität bedeutet. Die orientalische Wirtschaftsweise, wie sie in Neukölln vorherrscht, bietet dem Anspruchslosen viefältige Tätigkeitsmöglichkeiten von Hilfsarbeiter über Verkäufer bis zu Kellner, Koch und Reisebüroberater. Was an formeller Ausbildung fehlt, wird oft durch Flexibilität und Improvisation ersetzt. In Neukölln lässt sich ein Stück deutscher Zukunft besichtigen. In vergangenen Jahrzehnten war die alte Bundesrepublik und mit ihr Westberlin ein Land mit einer der ausgeglichensten Sozialstrukturen der Welt gewesen. Der Neuanfang für Alle am Tage der Währungsreform und die erfolgreiche Sozialpolitik der folgenden Regierungen hatten die sozialen Unterschiede bis zu einem Punkt eingeebnet, an dem sie kaum mehr empfunden wurden. Deutsche fühlten sich prinzipiell gleich; es gab kein Proletariat mehr, und nur wenige Bosse. Seit Mitte der achtziger Jahre und verstärkt nach der Wiedervereinigung zerfiel die Sozialstruktur. Während Deutschland selbst den unaufhaltsamen Aufstieg der Reichen und das Absinken breiter Bevölkerungsschichten in die neue Armut als inakzeptabel und reversibel betrachtete, sah das Ausland die Entwicklung in Deutschland als eine irreversible Normalisierung an. Endlich näherte sich die Sozialstruktur im Lande der Gleichen den Verhältnissen in Grossbritannien, Frankreich, Italien und den USA an. Jedes dieser Länder beherbergt eine grosse Zone entwickelter Wirtschaft, zusammen mit einer kleineren Zone der Dritte-Welt-Wirtschaft. So nun auch Deutschland. Wer beispielsweise früher die Einkommensstatistiken Amerikas mit denen der alten Bundesrepublik vergleichen wollte, fand schnell heraus, dass die Einkommen der weissen Bevölkerung der USA sehr viel höher lagen als die der deutschen Bevölkerung, obwohl sich die nationalen Durchschnitte zeitweise stark ähnelten. Der Grund war, dass die grosse Drittwelt-Zone der USA den nationalen Durchschnitt drückt. Dieser Prozess zur Drittwelt-Bildung ist nun in vollem Gange auch in Deutschland. Während die nationalen Durchschnittswerte stagnieren, steigen die Einkommen und Vermögen der finanziellen Oberschicht unaufhaltsam weiter, während an der Basis das Einkommensniveau knapp gehalten wird oder sinkt. Dadurch werden Viertel wie Neukölln zu Modellen für die Zukunft vor allem in den weniger entwickelten Gebieten Nord- und Ostdeutschlands. Der reiche Süden mit Baden-Württemberg und Bayern koppelt sich zusehends vom deutschen Durchschnitt ab. Eine Stadt wie München hat nur etwa halb so viel Bevölkerung wie Berlin, aber doppelt soviel Wirtschaft. Während die Hauptstadt schrumpft, wächst München unbeirrt weiter. Es hat also keinen Sinn, Neukölln oder Wedding wie Aussätzigenkolonien zu stigmatisieren. Im Gegenteil: dank ihrer Zentrumsnähe und guten Infrastruktur - Neukölln weist an der Karl-Marx-Strasse eine der grössten Einkaufszonen Berlins auf - zeigen beide Stadtteile relativ gute Entwicklungschancen. Die Armutsviertel der Zukunft liegen weiter ausserhalb, in den äusseren Bezirken, den Stadtrandsiedlungen und Plattenbau-Wüsten, wo heute niemand ausser den Ärmsten mehr wohnen will. Dort, wohin die Neuköllner ziehen werden, wenn ihr Stadtteil wie Kreuzberg gentrified wird.
—— Burkhart Fürst |